Brennerpass: Bundesliga 2011/2012 (18)

22. Januar, 2012

Spieltag 18: Koan Alleingang

Gladbach - Bayern 3:1 (2:0)
Ich hab’s kommen sehen. Als die ersten Stimmen aus dem Trainingslager der Bayern laut wurden, die von der besten Vorbereitung aller Zeiten sprachen. Als die harmonischen Interviews mit Robben und Gomez zum Thema Vertragsverlängerungen begannen, wo wieder alle betonten, wie wohl sie sich doch in München fühlen und wie nah man an Barcelona dran sei, also vom Fußball nicht von den Kilometern her. Und als Krönung die weltumarmende Stimmung bei Uli Hoeneß’ Sechzigstem. Da war mir spätestens klar, dass der Verein die Situation um die Meisterschaft völlig verkennt. Man könne sich sowieso nur noch selbst schlagen mit diesem Kader, so der Konsens. Dabei hat man offensichtlich vergessen, dass Bayern in der Hinrunde mehr Spiele verloren hat als unter einem gewissen Herrn Van Gaal in der Vorsaison. Vergessen, dass es da nicht nur den BVB gibt, dem man gnädigerweise eine Verfolgerrolle gestattet. Dass man absolut verdient gegen Mainz, Hannover, Dortmund und zweimal Gladbach verloren hat und deswegen de facto gar nicht der Ligaprimus sein kann, den einem die Medien unterjubeln. In Wahrheit sind die Bayern ein Mitfavorit auf die Meisterschaft, mehr nicht. Natürlich hätte das Spiel anders ausgehen können, wenn sich Neuer nicht die unglaublichste Eumelei seit seinem Patzer im Freundschaftsspiel der Nationalelf gegen Argentinien geleistet hätte. Wahrscheinlich glaubt er mittlerweile selbst an die Mär vom brillianten Feldspieler Neuer. Ich bin derzeit ja nicht so gut auf Jupp Heynckes zu sprechen, weil er die Mannschaft genauso mies wie sein Vorgänger auf den berechnenden Konterfußball einstellt, den man neuerdings gegen die Bayern spielt, aber eins hat er ganz richtig erkannt: Ein Torwart sollte zunächst den Ball sichern und dann erst nach vorne spielen. Zu überdreht sei der Manuel in dieser Hinsicht, hat er gesagt. Man könnte es auch Nervosität nennen, eine Nervosität wegen der man letzte Saison den Thomas Kraft auf die Bank gesetzt hat, für einen wesentlich geringeren Fehler gegen Nürnberg. Betrachtet man das gesamte Spiel hat sich der Rest der Mannschaft aber auch nicht viel konzentrierter als der Neuer verhalten. Es war ein verzweifeltes Revival des guten alten Ballverlustfußballs aus der Vorsaison. Am Rande noch die Erkenntnis, dass ein Ribery derzeit unverzichtbar ist, ein Robben dagegen eher unangenehm auffällt. Jetzt aber zu Gladbach. Welcher Idiot hat denn ernsthaft geglaubt, dass die Borussen jetzt auseinander fallen nach dem Reus-Transfer und dem kommenden Abgang von Neustädter? Ist doch sonnenklar, dass die jetzt erst recht beweisen wollen, dass sie kein Zufallsprodukt sind. Den Ehrgeiz hat der Favre und den Ehrgeiz hat vor allem Reus, der es den Bayern ordentlich besorgt hat. Zurecht besorgt, weil der Verein und auch wir Fans uns nicht gerade als faire Verlierer erwiesen haben, als der Transfer bekannt wurde. Herunter gespielt haben wir die Situation und den Reus schlecht geredet. Man wird immer noch sehen müssen, wie der Mann sich entwickelt, aber vorerst hat er uns das Maul gestopft und mit Herrmann schon seinen potenziellen Nachfolger in den Startlöchern. Gladbach hat gespielt wie der Terminator. Maschinell, hart, aber irgendwie auch herzlich und voll im Dienst einer höheren Sache, der Meisterschaft. Ach so, der schlechte Platz war schuld, hör ich grade den Herrn Schweinsteiger sagen.

Hamburg - Dortmund 1:5 (0:2)
So geht man in ein wichtiges Spiel. Hochmotiviert und flexibel. Das war meisterlicher Fußball, der von einem meisterlichen Trainer verordnet wurde und der es fast jeden Spieltag vom Reißbrett hinüber auf den Platz schafft. Hamburg hat sich nur kurz aufgelehnt und wäre Guerrero nicht ein so unsäglich unzuverlässiger Stürmer, hätten die Hamburger vielleicht noch eine halbe Stunde länger im Rennen bleiben können. Am Ende gibt der Kader nicht mehr her als eine deutliche Niederlage gegen den derzeit Bundesligabesten, vor allem im Sturm muss was passieren, weil Petric schon mit einem halben Fuß bei einem anderen Verein ist, während Guerrero mit einem halben Hirn nicht einmal das leere Tor trifft. Auch Töre hat schmerzlichst gefehlt. Würde man jetzt die Form der Dortmunder einfrieren und über jedes weitere Spiel bis zum Saisonende konservieren, hätten wir unseren Deutschen Meister, selbst ohne Götze.

Leverkusen - Mainz 3:2 (2:0)
Für Dutt ist das ein Endspiel gewesen, auch wenn das keiner zugeben will. Sein exzellenter Kader hat ihm den Hals gerettet, aber langfristig muss Leverkusen weiter in der Champions League spielen, um diesen Luxuskader zu finanzieren, das sagt auch der bräsige Holzhäuser, und ich bin mir nicht sicher, ob man da mit Dutt auf den richtigen Gaul setzt, auch wenn er mittlerweile deutlich weniger panisch wirkt. Apropos panisch, Tuchels Veitstänze an der Linie kann ich auch nicht mehr sehen, obwohl er dieses Mal nicht zu Unrecht mit Schaum vorm Mund vom Platz gestürmt ist. Der nicht gegebene Elfer für das Foul an Szalai war spielentscheidend.

Kaiserslautern - Bremen 0:0 (0:0)
Da war kein großer Unterschied zwischen Abstiegskandidat und Europaaspirant zu erkennen. Lautern hat die Ärmel hochgekrempelt und schaut am Ende trotz besserer Chancen dumm aus der Wäsche. Bremen wird auch in der kommenden Saison nicht in der Championsleague spielen, aber da erzähle ich sicher am allerwenigsten der Bremer Vereinsführung etwas Neues. Zumal mit Prödls Splatterszene jetzt auch noch der nächste Verteidiger ausgeknockt ist. Und man muss kein Statistiker sein um zu beurteilen, was das für eine der löchrigsten Abwehrreihen der Liga bedeutet, nachdem sich auch Naldo nach einem kurzen Gastspiel schon wieder in den Krankenstand verabschiedet hat. Kouhemaha hat derzeit sicher schon das erste Drehbuch für einen Direct-To-DVD-Slasher auf dem Tisch liegen.

Freiburg - Augsburg 1:0 (0:0)
Sieht so aus, als hätte der neue Freiburger Coach Streich den noch nicht gefeuerten Spielern Überlebenswille beigebracht. Das ist aber auch schon das einzig Gute, was ich über den SC sagen kann. Bei Augsburg hatte man übrigens noch von Verstärkungen in der Winterpause geredet, vor allem, um der ewigen Torlosigkeit beizukommen. Aber vielleicht hat sich Augsburg auch schon mit einer Ehren(rück)runde abgefunden, bevor es wieder in die deutlich weniger deprimierende Zweitklassigkeit geht, was die Erfolgserlebnisse betrifft.

Hoffenheim - Hannover 0:0 (0:0)
Hannover kann relativ wenig für seine Blässe, da fehlen ja an die acht Stammspieler, aber Hoffenheim muss sich schon die Frage gefallen lassen, was das lustlose Gekicke sollte und warum man eigentlich unbedingt Obasi verleihen musste und Sigurdsson abgeben, wenn man stattdessen den Kader mit Jugendspielern auffüllt, die dann aber nicht spielen. Ich bin mir nicht sicher, ob sich Stanislawski sicher ist, was er da tut. Vielleicht sind die da im Kraichgau aber nicht halb so nervös wie wir Fußballschreiber, weil sie einfach nur die Klasse halten wollen und nebenbei ein bisschen Geld sparen. Diese Vermutung ließen ja schon die letztjährigen Winterabgänge von Gustavo und Eduardo zu.

Schalke - Stuttgart 3:1 (1:0)
Eine adrenalinhaltige Frische bei Schalke, als hätte man eine Cola Mentos (gibt’s das schon als Geschmacksrichtung?) über den Platz gegossen. Mit diesem Schwungfußball und Protagonisten wie Raul, Huntelaar und Holtby sind sie in der Hinrunde zu meiner zweiten Lieblingsmannschaft geworden und das war der direkte Aufstieg aus meiner Hassliga. Ja, Schalke 2012 kann was: Ein attraktives Ensemble verschiedenster Fußballertypen, endlich gefordert und gefördert von einem alten Knurrer, der im Spätherbst seiner Karriere gelernt hat, die Dinge etwas unverbissener angehen zu lassen. Und das erste Mal in seinem Leben so wirkt, als hätte er Spaß an seinem Beruf. Für Labbadia und den VfB wird das allerdings noch eine sehr lange Saison werden. Ein Wort noch zum falsch entschiedenen Abseitstor von Huntelaar in der ersten Halbzeit: Im Zweifel für den Angreifer. Entweder man tätowiert den dauernervösen Linienrichtern das auf die Fingerknöchel oder man lässt endlich den Videobeweis zu. Wenn manche sagen, dass so etwas den Fußball spannender macht, dann sind sie zynisch, denn es macht ihn nur ungerecht. Gute Besserung an den Neubayern Höwedes. Das Foul war quasi ein Schlag ins Gesicht.

Wolfsburg - Köln 1:0 (0:0)
Kein unverdienter Sieg für die Wölfe und ihren Schinderhannes und Flo(transfer)markt-Experte Magath. Lustig nur, dass ausgerechnet das einzige Eigengewächs, der kleine Polter, für den Siegtreffer sorgte. Ich sags ungern, aber mit Wolfsburg muss man wieder rechnen. Im Tabellenmittelfeld.

Nürnberg - Hertha 2:0 (1:0)
Schön war an dem Spiel nur das Ergebnis. Meine Häme gegenüber Skibbe hält sich in Grenzen, weil er im Prinzip ein ehrlich Typ ist und wie er so selbstlos erzählt, was der Babbel für gute Arbeit geleistet hat und dass er ihn gerne erreichen würde, aber nicht zurückgerufen wird, das fand ich nicht unsympathisch. Meine Häme gegenüber Preetz ist allerdings grenzenlos. Faszinierend wie Hecking aus seinem Lazarett in letzter Sekunde doch noch eine Mannschaft gemacht hat, die den Abstiegskampf vorerst hinter sich gelassen hat.

BRENNERPASS-TIPPSPIEL:
Die Rückrunde hat auch im Tippspiel angefangen und als Tagesbeste haben sich mit MaraDonner, Saunabiber und meiner Wenigkeit mal nicht die üblichen Verdächtigen bewährt. Doch für die Cheftipper benchman und stt reichen auch gute bis mediokre Leistungen, um die Tabellenführung unter sich aufzuteilen. Und zwar noch eine ganze Weile.

Die Tipptabelle für den aktuellen Spieltag
Die Tipptabelle in der Gesamtübersicht

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Brennerpass Extra: Gedanken zur Rückrunde

20. Januar, 2012

Ich kann leider jetzt schon sagen, dass ich den Start in die Rückrunde verpatzen werde. Bin nämlich heute Abend in Köln zu Gast bei 1Live-Klubbing, was auf der einen Seite großartig ist, mich aber auf der anderen das Gladbach-Bayern-Spiel verpassen lässt.

Bayern hat mit Robben verlängert. Das ist keine grundsätzlich schlechte Idee und sicher die bessere Lösung als Robben durch Reus zu ersetzen, dessen Frisur und Gerede noch ein paar strenge Winter vertragen können. Verletzt sind sie auch gleich oft, insofern kann man das so machen. Wild interpretiert könnte man es vielleicht auch als Zeichen werten, dass man sich in näherer Zukunft keine Hoffnung auf Mario Götze macht, der sich neulich im Kicker-Interview doch nicht so eindeutig zum BVB bekannt hat, wie der Watzke sich das gewünscht hätte. Vom Zukauf eines Stürmers am Saisonende halte ich nur dann was, wenn Olic wirklich geht. Ich hoffe stark, dass der bald zu seinen Einsatzzeiten kommt, auch wenn noch immer glaube, dass Nils Petersen ein guter zweiter Mittelstürmer ist. Sollte man sich bei Bayern wirklich um Höwedes bemühen, könnte man langfristig neben Lahm einen zweiten defensiven Verantwortungsspieler aufbauen, denn der hat den Charakter dazu. Ob Jerome Boateng sich in naher Zukunft seinen Traum vom Abwehrchef (siehe Kicker-Interview Anfang der Saison) verwirklicht, wage ich zu bezweifeln.

Der SC Freiburg hat den, glaubt man den Gerüchten, etwas zu zahmen und eventuell auch trägen Sorg geschasst und das ist nach einer solchen Hinrunde natürlich legitim. Freiburger Fanquellen flüsterten mir, dass Streich sowieso immer der beliebtere und offensichtlichere Kandidat für das 1. Traineramt gewesen ist. Aber noch vor der Trainerbeurlaubung ein paar Spieler mit Pauken und Trompeten vor die Tür zu setzen, darunter Publikumslieblinge wie Butscher, ist ein unglaublich harter Einschnitt, den ich gerade Freiburg nicht zugetraut hätte. Armin Veh bei der Eintracht ist der Einzige, der sich darüber gefreut hat, denn Butscher spielt jetzt bei ihm.

Dass Dortmund nicht hinter den Bayern sondern auf Augenhöhe mit den Bayern im Rennen um die Meisterschaft steht, wissen mittlerweile alle bis auf den FC Bayern, aber auch die tun vermutlich nur so, als wären sie diese Saison der Chefbeller. Ich denke trotzdem, dass Dortmund das blamable Ausscheiden aus dem Europageschäft noch schwer im Magen liegt. Der Reus-Transfer hat ein bisschen davon abgelenkt, aber ein reiner Vorteil wie letzte Saison ist die Europalosigkeit ganz sicher nicht mehr. Götzes momentane Abwesenheit wird sich ebenfalls als Problem herausstellen, dafür kehrt mit Bender ein wichtiger Motor des Spiels zurück. Die erneute Verletzung von Subotic und der eventuelle Ausfall von Weidenfeller könnten das Spiel gegen den HSV allerdings zur Zerreissprobe werden lassen, falls Bayern gegen Gladbach gewinnt. Dann wären es wieder 6 Punkte bis zur Tabellenspitze.

Lachender Dritter, beziehungsweise Erster könnten die Schalker werden, aber trotz einer fast tadellosen Hinrunde sehe ich die Kollegen aus Gelsenkirchen nicht im Rennen um die Meisterschaft. Schon das erste Spiel der Rückrunde gegen einen sicher hochmotivierten VfB muss ohne Farfan, Holtby und Jones bestritten werden. Mal sehen, wie Obasi sich schon integriert hat. Der könnte zumindest die Farfan-Stelle ordentlich ausfüllen.

Und nicht vergessen, wieder zu tippen!

Nachlese

19. Januar, 2012

Vielen Dank an alle, die am Dienstag in der Buchbox waren. Es hat Markus und mir einen Riesenspaß gemacht. Ich muss zugeben, dass viel abgeschweift und gealbert wurde, obwohl das Buch eigentlich gar nicht ausschließlich lustig gemeint ist, aber ich sehe eine Lesung nicht als werkgetreue Umsetzung eines Romans, sondern als eine unterhaltsame Veranstaltung. Und ich bin ja auch kein professioneller Vorleser, ich bin also gezwungen, auf den ein oder anderen Blödsinn auszuweichen. Lange Rede, kurzer Sinn: Danke, schön war’s mit Euch. Mein besonderer Dank gilt natürlich dem selbstlosen inhaltlichen und technischen Einsatz von Markus Kavka und ganz besonders Diane Weigmann, die eine fantastische Veronika Malleck dargeboten hat. Vielleicht befolge ich auch beim nächsten Mal Markus’ Rat, nicht während der Lesung Bier zu trinken. Vielleicht auch nicht.

Kommende Unternehmungen:
20.01.2012 1Live Klubbing in Köln ab 23:00 Uhr
16.03.2012 Lesung mit Ingo Oschmann in Leipzig, Ilses Erika

Demnächst folgen noch Termine für Hamburg und München.

Das Viertel

14. Januar, 2012

Ich war in dem anderen Viertel, weil ich was nachschauen musste. Ich habe vorgefunden: Eine erstaunliche Mischung aus gähnender menschlicher Leere und unterdrückter Aggression. Als würde den Leuten mit Schrecken auffallen, was sie sich da eingebrockt haben mit der Großstadt, den ganzen Kindern und der Eigentumswohnung. Später war dann soviel Knoblauch in meinem Panino mit gebratenem Gemüse, ich hätt’ kotzen können. Sonst war’s aber nicht schlecht und ich bin guter Dinge nach Hause gefahren.

Klubbing mit Mandel

13. Januar, 2012

Tolle Neuigkeiten für mich und alle die mich nicht total zum Kotzen finden. Nächsten Freitag reise ich ins schöne Köln, um da am besten Radioformat der Welt für alle Lesenden teilzunehmen: 1LIVE KLUBBING am 20.01.2012 ab 23:00 Uhr (also grade richtig zum anschnapseln vor der Freitagssause) auf 1LIVE.

Hier ein großartiger Artikel von Jan Drees zum Roman.
Und hier ein Link zur Veranstaltungsreihe.

Ich freu mich wie Sau.

Risse*

11. Januar, 2012

We Desire Disorder.

We Were Born Destroyers.

Sei vernünftig, sei feinfühlig, sieh hin.
Manchmal sieht man sie zwischen den Nebelwänden eines Januarmorgens. Leise klafft einer auf. Wie ein kurzes Flimmern auf dem Fernseher. Ein minimaler Spalt, ein mikroskopischer Riss im Alltag. Darunter ist das Schwarz, darunter liegt die Tiefe.

Sei vernünftig, sei feinfühlig, sieh hin.
Manchmal sieht man sie in dem Spiegel im Aufzug. Diese feinen Risse in der Haut. Unter den Augen, unter den Nägeln, an den Ellenbogen. Wo schon der Knochen durchschimmert. Es sind die minimalsten Stellen, es sind Mikrorisse im Gewebe des Alltags. Darunter sind die Knochen, das Skelett eines ausgeklügelten Plans, der nie funktionieren wird.

Sei vernünftig, sei feinfühlig, sieh hin. Wenn dir dämmert, dass die Nachbarn über dich reden, wenn du spürst, dass du nicht das kannst, was du denkst, wenn dir langsam aber sicher die Gebietshoheit entgleitet. Das Brennen unter den Nägeln, der Juckreiz an den Ellenbogen, die müden Augen – es sind die Risse.

Sei dumm, sei nachlässig, schau weg. Hinter den Nebelwänden ist nichts, die Tiefe gibt es nicht und im Spiegel ist nur der selbe alte Überhebliche. Das Skelett sitzt gut gepolstert hinter der Haut und es wächst mit, es dehnt sich bis du 100 Jahre alt bist. Schick mir eine Postkarte aus dem Januarmorgen und wir unterhalten uns bald bei einem Darjeeling über deine ausgeklügelten Pläne.

We Desire Disorder.

We Were Born Destroyers.

(*inspiriert von Constantines – Lizavetta)

Mandels Büro: Frankfurt

9. Januar, 2012

So, Compadres. Ab heute gibt’s das Buch ja auch in jeder dahergelaufenen Buchhandlung, und deshalb hab ich hier mal eine Art Bonustrack ausgegraben. Eine kurze Kurzgeschichte mit den Kollegen Mandel und Singer, die in einer fernen Stadt jenseits unserer medialen Wahrnehmung spielt. Mit besten Grüßen an meinen Blogsozius Markus Quint.

FRANKFURT

“Muchas Gracias”, sagte der Mandel zu dem italienischen Eismann und man wusste nicht, ob er sich jetzt einen Spaß machte, oder ob es ihm wurscht war. Ich tippte auf Letzteres. Ich persönlich würde ja in der Nähe vom Frankfurter Hauptbahnhof überhaupt kein Eis probieren, aber das kommt wahrscheinlich nur daher, weil ich mal schlechte Erfahrungen mit dem Hauptbahnhof gemacht habe. Die hatten nicht zwingend mit Speiseeis zu tun, aber danach hat ein bisschen Eis ganz gut getan. Der Mandel und ich waren von der Freundin einer Ex-Freundin vom Mandel angerufen worden, die kürzlich nach Frankfurt gezogen war. Nicht freiwillig, das ist klar. Da waren Kinder und der Beruf des Ehemannes im Spiel. Höhere Gewalt, wenn man die Frau entschuldigen will.

Am ersten Abend unserer Recherche hatte sie uns Zugang zu dieser Veranstaltung verschafft, die im Zuge der Automobilausstellung stattfand. Auf der Party sah der Mandel diesen Ski-Langläufer, den ich nicht kannte. Bei ihm stand eine Nachrichtensprecherin, die ich schon kannte.
“Die sieht aber alt aus ohne Fernseher”, sagte ich.
“Du siehst auch alt aus ohne Fernseher”, sagte der Mandel.
“Ich bin ja auch nie im Fernseher. Also gibt es überhaupt keinen Vergleich”, sagte ich.
“Ja, ja”, sagte der Mandel.

Sonst sahen wir keine bekannten Gesichter, ausser natürlich den Kapp, aber wegen dem waren wir ja schließlich auch hier. Es wäre also bedenklich gewesen, wenn wir den Kapp nicht gesehen hätten. Irgendwann gegen elf ging der Kapp.
“Los geht’s”, sagte der Mandel.
“Ich kann nicht fahren, ich bin total stoned”, sagte ich.
“Wieso bist du stoned?”, fragte der Mandel.
“Ich hab im Hotel Einen geraucht. Während du in der Dusche warst.”
“Dann bist du ja auch stoned gekommen”, sagte der Mandel und er hatte nicht Unrecht, denn ich war ja gefahren, weil der Mandel sich an der Hotelbar schon einen Beefeater Tonic erlaubt hatte.
“Ich bin jetzt aber noch mehr stoned als vorher. Jetzt hat sich das Gras erst so richtig in meinem Kopf ausgebreitet.”
“Und ich bin rabenvoll”, sagte der Mandel.
“Rabenvoll? Das Wort gibt es nicht”, sagte ich.
“Besoffen. Sturzbetrunken”, sagte der Mandel.
“So wirkst du aber gar nicht”, sagte ich. Wohlwissend, dass der Mandel nie so wirkte, selbst wenn er rabenvoll war.

“Fahr jetzt, Sigi”, sagte der Mandel mit einer Dringlichkeit, die mich jeden Widerspruch unter zu-viel-Stress abheften ließ.
Innerhalb von Sekunden hatten wir den Kapp verloren und ich irrte ziellos durch die leere Innenstadt.
“Das ist eine Einbahnstraße, Sigi”, sagte der Mandel.
“Oh”, sagte ich.
“Ich kann nicht mehr. Lass uns ins Hotel fahren”, sagte ich zwei Minuten später.
“Bitte, wenn du schon aufgeben willst. Dann kannst du aber der Karin Wegert sagen, dass die Spesen vom ersten Abend gleich in den Sand gesetzt wurden.”
“Was willst du denn jetzt machen? Willst du den Kapp jetzt nach dem Zufallsprinzip finden? Vielleicht ist er auch einfach nach Hause gefahren”, sagte ich.
“Der Kapp ist keiner, der einfach nach Hause fährt. Das sieht man doch, wenn man ihn anschaut.”
“Die Leute hier ticken doch ganz anders. Wenn ich jemand aus Frankfurt anschaue, dann weiß ich doch nicht, wo er hinfährt”, sagte ich.
“Frankfurt ist eine Stadt wie jede andere auch. Wenn jemand dringend noch wo hin will, dann sieht man ihm das auch in Frankfurt an”, sagte der Mandel.

Brennerpass extra: Zu Reus

5. Januar, 2012

Den ganzen Tag lang will ich schon was zum Reus-Transfer sagen, aber Twitter lässt mich nicht als @stburnster ausloggen und als @brennerkurzpass wieder einloggen. Insofern hier und dafür ausführlicher.

Als ich zuerst von dem “Coup”, wie er allen Ortes genannt wird, gelesen habe, kam ich mir vor, als ob mich der Watzke mit einem Fernrohr beobachtet und mir dann eine lange Nase dreht. Denn das war als Bayern-Fan meine erste Reaktion, und wenn er das liest, dreht der Watzke mir erst recht eine lange Nase – ich bin zutiefst erschrocken.

Nicht, weil ich glaube, dass wir ohne den Reus nicht mehr konkurrenzfähig sind, denn der ist in seinen jungen Jahren schon so weit wie Arjen Robben, was Verletzungsanfälligkeit angeht (und auf dem Weg zu Mehmet Scholl), sondern weil wir damit einen dauerhaften Konkurrenten um die Meisterschaft bekommen könnten, so der BVB auch Götze, Klopp und andere Schlüsselfiguren halten kann.

Dass sie sich dafür finanziell weit aus dem Fenster lehnen müssen, Ausgaben, die sie ohne Championsleague-Erfolge nicht wieder reinholen, stimmt mich nicht schadenfroh. Denn plötzlich verstehe ich das Grande Schème dahinter. Der FC Bayern kann dauerhaft nur besser werden, wenn ihm von hinten jemand an den Eiern hängt. Und deshalb ist das mit dem Reus dann doch eine prima Sache. Und jetzt hau ab mit deinem Fernrohr, Watzke.

Der Christian Wulff

3. Januar, 2012

Dienstantritt

3. Januar, 2012

Jetzt geht mir der Arsch dann doch ein bisschen auf Grundeis. Erstens, weil seit gestern das Buch beim Amazon erhältlich ist und Stunde der Wahrheit und so. Zweitens, weil auch die Erstlesung in der Buchbox nur noch zwei Wochen entfernt liegt, zu der ich euch alle herzlich einlade. Das ganze wird eine Mischung aus einem Stammtisch mit Markus Kavka und mir und einer Lesung. Versprochen seien folgende Dienstleistungen:

- Wir werden den Ursprüngen des Romans auf die Spur kommen und dazu einen Videobeweis liefern
- Markus wird zum Singen gezwungen
- Wir haben einen tollen weiblichen Stargast
- Wir werden blöd daherreden

Kann sein, dass es eng wird und man vielleicht sogar Tickets reservieren sollte – kein PR-Coup, sondern das hörte ich über zwei Ecken aus der Buchbox, werde aber nochmals nachfragen. Zur Sicherheit hier ein Link für Tickets. Egal, ob ihr zur Lesung kommt oder das Buch kauft oder die Verrückten unter euch sogar beides tun: Ich verbeug mich und sag ¡Muchas Gracias!